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Lesbisches Erinnern

Das Projekt „Wir sind stark und wir sind viele – lesbische Sub-Kultur in Berlin“ erinnert an lesbisches Leben in Berlin und macht LSBTI-Gedenkorte sichtbar. An für lesbisches Leben zentralen Orten werden Gedenktafeln aufgestellt.

Weitere Informationen und Geschichten zu den bisherigen drei Gedenkorten, die Frauenkneipe Dinelo, die Lesbendisko die 2 und die Lesbenbar pour elle finden Sie auf dieser Webseite.

Die Frauenkneipe Dinelo in der Vorbergstraße 10 in Berlin-Schöneberg

Im September 1983 eröffneten Christel „Chris“ Rieseberg und ihre Lebensgefährtin Lisa Sharon Makey das Dinelo als „Café und Kneipe für Frauen“. Chris Rieseberg hatte zuvor gemeinsam mit der Schwester von Lisa, Lilian Makey, zwischen Dezember 1975 und Dezember 1980 die Diskothek die 2 in der Martin-Luther-Straße 22 geführt.

von Katja Koblitz, Spinnboden Lesbenarchiv & Bibliothek (Berlin) e.V.

Quelle: Spinnboden Lesbenarchiv & Bibliothek e.V. (Berlin) – Rechte vorbehalten

Rückkehr an einen wohlbekannten Ort

Mit der Eröffnung des Dinelo kehrte Chris Rieseberg an einen lesbischen und ihr wohlbekannten Ort zurück, denn das Dinelo wurde in den ehemaligen Räumen des lesbischen Club de la femme eingerichtet. Der Club de la femme, kurz auch La Femme genannt, wurde von mindestens August 1975 bis mindestens Mai 1978 von Renate Kuchenbäcker geführt. Dieser Klub wiederum war eine der Nachfolgerinnen des Club 10 – eines lesbischen Treffpunkts, der von 1963 bis 1973 ebenfalls von Chris Rieseberg betrieben worden war.

Im Vorfeld der Eröffnung äußerte sich Chris Rieseberg im März 1983 in der Zeitschrift Unsere kleine Zeitung (UkZ) der lesbischen Gruppe L’74 zu ihren Zielen:

„Das Dinelo solle keine Disco werden, sondern nur mit „sanfte[r] Hintergrundmusik und eine[r] kleinen Tanzfläche das Tanzen ermöglichen“.

Tagsüber solle es eine Art Cafébetrieb geben, morgens ab 10 Uhr die Möglichkeit für Frauen bieten, „unter sich“ frühstücken zu können und zudem wolle sie mit Hilfe der vorhandenen Küche kleine Gerichte anbieten.

„Wenn ich mir [etwas] wünschen könnte, würde ich mir wünschen, daß es ein gemischtes Lokal wird“, sagte sie in dem Interview, gemischt in dem Sinne, „daß ältere und jüngere Frauen […] zusammen kommen.“

Die Räume in der Vorbergstraße wurden ab Januar 1983 aufwendig umgebaut und renoviert: Ein großer Ofen der ehemaligen Bäckerei im hinteren Bereich wurde abgerissen und die Zwischenwand zum vorderen Bereich abgetragen. Hinzu kamen der Einbau einer neuen Heizung und Entlüftungsanlage; ebenso wurden die Toiletten erweitert. Zwei Jahre nach der Eröffnung wurde im Keller eine Kühlzelle eingebaut, die es erlaubte, dass Bier sowie Getränke wie Cola und Sprite frisch gezapft werden konnten.

Der Name Dinelo – der auf Romanes, der Sprache der Roma und Sinti, „leicht verrückt“ bedeutet – stand früh fest; so fuhren Chris Rieseberg und Lisa Makey schon während der Renovierung einen anfangs blau, später orange lackierten VW-Bus mit dem Schriftzug „Frauencafe Kneipe Dinelo“. Der VW-Bus diente trotz fehlender Heizanlage bis zum Schluss als Vehikel für Transporte und für die Auslandsreisen der Beiden.

„In der kalten Jahreszeit hüllten wir uns eben in unsere Decken und fuhren los“, wie sich Lisa Makey erinnerte.

Sie berichtete im Gespräch auch, wie es zu dem Namen Dinelo kam: Chris Rieseberg hatte voller Elan 1963 mit dem Club 10 die erste Kneipe für Frauen und Lesben in Berlin eröffnet, die allein im Besitz einer Frau war. Sie sah sich aber bald mit dem Problem konfrontiert, dass zu der damaligen Zeit

„viel zu viel getrunken wurde und auch gegenüber der Wirtin der Anspruch bestand, dass sie mittrank. Damit war Chris letztlich so unglücklich, dass sie den Club 10 zehn Jahre später aufgab und sich schwor ‚Nie wieder Club 10, nie wieder solch einen Absturz‘.“

Als Lisa Makey dann mithalf, die Räume umzubauen und alte Balken etc. zu entfernen, die Chris Rieseberg einst eingebaut hatte, „war dies für mich wie eine Reise in die Vergangenheit von Chris“, so erzählte Lisa Makey weiter.

„Wir beide fanden es schon ‚leicht verrückt‘, dass Chris zwanzig Jahre später an den Ort zurückkehrte, an den sie nie, nie, nie wieder zurück wollte und dass wir die Vorbergstraße 10 zu dem Ort machten, den sie sich schon immer erträumt hatte – ein Ort zum Wohlfühlen, ein Ort zum Genuss, zum Ankommen nach einem stressigen Tag.“

Um das Dinelo zu einem angenehmen Treffpunkt für Frauen und Lesben zu machen, entfernten Chris Rieseberg und Lisa Makey die Klebefolien auf der Eingangsfront und sorgten mit Lampen und abends mit Kerzen für eine gute Beleuchtung. Da sie nur über wenig Geld verfügten, steuerten sie nicht nur ihr eigenes Sofa und ihren Herd zur Ausstattung bei, sondern hielten die Räume auch gut in Schuss, indem sie regelmäßig den Rußfilm vom vielen Rauchen von den Fenstern und den Pflanzen schrubbten, nach der Schließung nachts noch alles putzten oder auch Wand für Wand frisch strichen:

„Wir Beide haben uns die Finger abgearbeitet, ohne dass die Frauen viel davon mitbekamen“, erinnerte sich Lisa Makey, „denn wir konnten uns nur eine Putzfrau für die Toiletten und zwei bis drei Kräfte zum Bedienen und Abräumen leisten.“

Innenausstattung etwas zusammengewürfelt, aber gastlich

Das Dinelo selbst bestand aus einem 120 qm großen Raum, der sich hinter der verglasten hohen Rundbogenfront mit dem Eingang erschloss. Rechts vom Eingang erstreckte sich ein 20 Meter langer Tresen mit zunächst Holz-, später lederbezogenen Barhockern. Am Ende des Tresens befand sich der Zugang zur Küche über eine kleine Treppe. Über die Küche kam man in den Innenhof zu den Abfalltonnen. Seitlich links neben dem Eingang gab es eine Sitzecke mit einem grünen Sofa sowie den Zugang zur Garderobe, zu einem kleinen Vorratsraum und den Toiletten, die durch eine Zwischenwand abgetrennt waren. Im Raum standen mehrere Holztische mit Holzstühlen; rechts vorne beim Tresen ein schwarzes Klavier.

„Das hatten 1983 dreizehn Berliner Frauenprojekte zu Chris 50. Geburtstag geschenkt“, so Lisa Makey, „und wir hatten mit Frau Todt eine treue Seele, die am Wochenende immer Live-Musik spielte, meist Klassisches wie Chopin-Etüden, denn sie war eine in Rumänien am Konservatorium ausgebildete Pianistin.“

An den Wänden hingen Zeichnungen oder Fotos von den Urlaubsreisen. Später kamen offensichtlich noch Plakate zu lesbisch-feministischen Veranstaltungen und Frauenmusikbands hinzu.

Die Innenausstattung war somit immer etwas zusammengewürfelt – so heißt es in einem Artikel der Zitty vom Juli 1987:

„Erstaunlich, wie sich hier traditionelle deutsche Kneipengastlichkeit mit kiefernhölzernen Lampen, hellen Leinenarrangements, Jugendstilspiegeln, Laubsäge-Mobiles mit Plüschanhängern, den Tresen zierendes Kupfergeschirr und einer dahinter platzierten Windmühle mischt. Gleich neben dem Eingang plätschert ein kleiner Springbrunnen vor einem griechischen Wandteppich“.

Zwischenzeitlich stand links hinten im Raum noch ein großer Billardtisch, der viele Lesben ebenso anzog wie die Gelegenheit, an den Tischen einer Runde Doppelkopf oder anderen Brett- und Kartenspielen nachgehen zu können. In den warmen Jahreszeiten waren besonders die wenigen Tische im Außenbereich beliebt, wo lesbe in der Sonne sitzen konnte.

Zwei Anziehungspunkte: Das Essen und Feste mit klingenden Namen

Das Dinelo zog in den 1980er Jahren Lesben, die in Berlin lebten oder die Stadt besuchten, vor allem aus zwei Gründen an: Es bot als eines der wenigen Lokale für Frauen in dieser Zeit Speisen an, eigenhändig gekocht von Chris Rieseberg und selbst kreiert wie das „Bäuerin-Omelette wahlweise gefüllt mit Thunfisch oder Schafskäse“. Viele Lesben stärkten sich oft an den legendären Bratkartoffeln im Dinelo, das – entgegen der ursprünglichen Planungen – außer dienstags nur abends von 18 bis 2 Uhr geöffnet hatte. Von dort aus zogen sie weiter – z.B. in die Diskothek die 2 oder in andere Bars. Zudem veranstalteten Chris Rieseberg und Lisa Makey häufig eigene Feste wie beispielsweise zu Silvester 1984 ein „Seejungfernfest“ mit „Lifemusik“ [sic], „Fischdelikatessen am Büffett“ und „Original Hafenmilieu-Dekoration“ oder zum Fasching 1987 ein „Buntes Kostümfest“ mit einer „Preisverleihung für das originellste Kostüm“. Hierfür gestaltete eine Stammgästin die entsprechenden Einladungen und Speise- und Getränkekarten liebevoll per Hand. Auch die jeweilige Raumdekoration für die Feste wurde vom Team mit wenigen Mitteln und viel Kreativität eigenständig realisiert.

„Solche Feste haben wir oft nach unseren Urlauben gemacht – da brachten wir unsere Ideen mit“, so erinnert sich Lisa Makey. „Und natürlich machten wir sie, weil wir hierüber unsere Umsätze steigern konnten: wir hatten eine wahnsinnig hohe Miete und im wöchentlichen Betrieb kam nicht so viel rein, da unsere Gästinnen oft ihrerseits wenig Geld hatten.“

Richtig trubelig wurde es während der Berliner Lesbenwochen zwischen 1985 und 1997: „Da war hier Notstand“, so Lisa Makey. Doch trotz der vielen Arbeit mit wenig Schlaf in der Nacht, erfuhr das Dinelo in diesen Tagen auch viel Zuspruch, vor allem von Lesben aus Westdeutschland, die solche Frauenkneipen in ihren Städten nicht kannten.

„Wir fanden es immer lustig, dass wir als zentraler Teil des Berliner Nachtlebens galten, obwohl wir Beide davon nichts mehr mitbekamen, weil wir so viel arbeiten“, so äußerte sich Lisa Makey amüsiert im Gespräch.

Die Berliner Lesben hielten sich übrigens in ihrer Coolness mit Anerkennung eher zurück; sie mussten hierfür schon enger mit dem Dinelo verbunden sein. So waren die beiden Wirtinnen zu Tränen gerührt, als zehn Stammgästinnen von sich aus anboten, je einen Tag das Putzen zu übernehmen, nachdem die Putzkraft ausgefallen war. Dadurch konnten die Beiden in den bitter nötigen Urlaub fahren.

Spürbare Verantwortung und Verschwiegenheit der Wirtin machen das Dinelo beliebt

Das Publikum bestand aus „frauenbewußten Frauen und war altersmäßig gemischt von 18 bis 80 Jahren“, wie sich Lisa Makey erinnerte. Es gab regelmäßige Stammtische etwa von einer Karategruppe und einer Motoradgruppe. Und natürlich fanden im Dinelo private Feste statt. Der hohe Grad an Zuspruch ergab sich daraus, so meinte Lisa Makey rückblickend, dass Chris Rieseberg ihre Verantwortung als Wirtin sehr ernst nahm und dies die Frauen und Lesben spürten. Es war nicht nur so, dass frau im Dinelo anschreiben lassen konnte, Chris Rieseberg behandelte allen ihr anvertrauten Liebeskummer diskret und schlichtete so manchen (Beziehungs-)Streit. Zudem schickte sie die eine oder andere Besucherin schon mal nach Hause, wenn sie der Meinung war, dass der Alkoholkonsum überhandnahm. Auch strebten beide Wirtinnen gezielt die Akzeptanz seitens der Nachbarschaft an: In den bereits erwähnten Billardtisch stopften sie zum Beispiel ein altes Federbett, um den Lärm, den die zurücklaufenden Kugeln verursachten, für das alte Ehepaar, das über dem Dinelo wohnte, zu unterbinden. Die Beiden waren sehr stolz, dass das Dinelo bei der Hausverwaltung und bei der Polizei einen sehr guten Ruf hatte.

Dass sich das Dinelo während seines sechsjährigen Bestehens einer großer Beliebtheit unter den Frauen und Lesben erfreute, ist auch daran ablesbar, dass sich im Oktober 1985 mehrere Leserinnen gegen einen diffamierenden Artikel über das Dinelo in der Zitty wehrten. In dem Bericht hatte sich eine freie Journalistin über das Publikum und die mangelnde Gesprächsbereitschaft der Wirtin mokiert. Wer in Frauenkneipen – so mehrere Leserbrief-Schreiberinnen – Mannweiber erwarte und in der Ablehnung eines Interviews Cliquenwirtschaft vermute, würde nicht nur einen „unqualifizierten Bericht“ abgeben, sondern „dem mühsam erworbenen Freiraum, den sich die Frauen erkämpft haben – und damit allen Frauen“ schaden.

Chris Rieseberg und Lisa Makey verkauften Ende 1989 das Dinelo an zwei Frauen, die das Lokal noch etwa zehn Jahre weiterführten, aber den einstigen Spirit nicht mehr fortsetzen konnten.

„Wir waren beide bis in die Knochen erschöpft und wollten weg von der vielen Nachtarbeit“, kommentierte Lisa Makey den Wegzug aus Berlin.

Seit 1990 betreiben die beiden die Frauenpension Bertingen, zunächst in Kaiser-Wilhelm-Toog, seit 2012 in Tating bei St. Peter-Ording. Am Standort des ehemaligen Dinelo wurden weiterhin Lokale geführt, jedoch keine mehr für Frauen und Lesben. Im Jahr 2021 befindet sich dort die Taverna Notos.

„Wir hatten mit dem Dinelo unseren Traum verwirklicht, nämlich Frauen das anzubieten, was Männer an jeder Ecke in Berlin hatten – eine vertraute Anlaufstelle“, so resümierte Lisa Makey. „Der schönste Moment für uns war immer kurz vor 18 Uhr, kurz bevor das Dinelo geöffnet wurde: Alles war bereit und wir hatten die Kerzen angezündet. Dann war er da – dieser Stolz, diese Freude, wie schön unser Raum geworden ist – unser Raum für die Frauen.“

„Jede, die auch nur ein bißchen die Szene kennt, weiß, daß gerade im Dinelo […] eine angenehme Atmosphäre herrscht“

Die Lesbendiskothek die 2 in der Martin-Luther-Straße 22 in Berlin Schöneberg

Im Oktober 1975 eröffnete Christel „Chris“ Rieseberg die Frauendiskothek die 2 in der Martin-Luther-Straße 22. Ein oder zwei Jahre später kam Lilian Makey, die Schwester ihrer späteren Lebensgefährtin Lisa Sharon Makey, hinzu. Chris Rieseberg hatte zuvor schon in der Vorbergstraße 10 von 1963 bis 1973 den lesbischen Club 10 betrieben und eröffnete später dort die Frauenkneipe Dinelo.

von Katja Koblitz, Spinnboden Lesbenarchiv & Bibliothek (Berlin) e.V.

Quelle: Spinnboden Lesbenarchiv & Bibliothek e.V. (Berlin) – Rechte vorbehalten

Die erste Frauendisko mit Bar in Berlin

Am Standort von die 2 hatte sich bereits zuvor in den 1960er Jahren mit dem Pink Elephant eine schwule Diskothek befunden, zu der auch Lesben zum Tanzen gingen. Dagmar Schönfisch, die spätere Betreiberin von die 2, berichtet, dass sie um 1963 einmal dort war und das Pink Elephant als schwule Barkneipe zum Tanzen den Ruf hatte, „hwg“ zu sein – „hwg“ stand für „häufig wechselnden Geschlechtsverkehr“. Das Pink Elephant stand im Verdacht ein Terrain zu sein, in dem – vermutlich nur männliche – Sexarbeiter ihre Dienste anboten. Die Gegend um die Martin-Luther-Straße 22 galt damals als ein Viertel mit viel – vor allem schwuler – Prostitution.

Mit ihrer Eröffnung Ende 1975 war die 2 die erste Frauendiskothek mit Bar, die in Berlin und vermutlich auch deutschlandweit eröffnet wurde. Dagmar Schönfisch zufolge übernahmen Chris Rieseberg und Lilian Makey die Ausstattung des Pink Elephant, denn bereits damals gab es keine Fenster, sondern nur eine Messingtüre, wie sich Manu Hoyer, eine Mitarbeiterin der Diskothek, erinnert. Um Einlass zu bekommen, mussten die Lesben – wie auch später – klingeln und es erfolgte ein kurzer Check, „ob man dazugehörte oder nicht“. Nach der Türe kam rechts ein kleiner Vorraum mit einer Garderobe. Der Tresen war gegenüber des Eingangs, in der Mitte wurde getanzt und rechts und links gab es erhöhte Podeste aus Holz mit kleinen Sitznischen und Tischen, ebenfalls aus Holz. Unterteilt waren diese Sitzecken durch markante Holzsäulen, auf denen sich Lampen befanden. Hinter dem Tresen befand sich eine kleine Küche, in der auch die Getränke gelagert wurden. Dieser Raum hatte ein Fenster und eine Türe zum rückwärtigen Innenhof. Links vom Tresen ging es zu den Toiletten. An dieser Ausstattung änderte sich im Laufe des Bestehens von die 2 kaum etwas, wie sich Manu Hoyer erinnert. Nur als sie zufällig entdeckte, dass sich unter einem Aquarium, das auf dem Weg zu den Toiletten links stand, ein Plattenspieler befand, wurde dieser anstelle des Single-Wechslers auf dem Tresen genutzt. In Wandregalen hinter dem Plattenspieler befanden sich die Langspielplatten und Singles.

Anfangs jeden Abend – auch unter der Woche – Disko

In den ersten Jahren von die 2, so Manu Hoyer, wurde jeden Abend Disko angeboten, wobei typischerweise die Diskothek am Wochenende immer voll war und es unter der Woche „schon mal ruhiger zuging“, so dass auch Langspielplatten in voller Länge gespielt werden konnten. Anfangs waren vermehrt Lesben zum Tanzen, Trinken und Quatschen im die 2, die ihr Lesbischsein eher verdeckt lebten. Später kamen allmählich immer mehr politisierte Lesben hinzu. Auch besuchten viele Lesben aus Westdeutschland die Diskothek; manche von ihnen kamen sogar nur wegen die 2 nach Berlin. Die 2 zog auch deshalb viele Lesben an, weil unter der Leitung von Chris Rieseberg und Lilian Makey regelmäßig Motto-Partys angeboten wurden, für die dann die Diskothek umdekoriert wurde. Laut Manu Hoyer gab es einmal eine Bierparty, bei der im Raum Bierkästen aufgestellt wurden und Chris Rieseberg in einer Bierkutscher-Schürze bediente. Deren spätere Lebensgefährtin Lisa Sharon Makey erinnerte sich an zwei legendäre Partys: Einmal wurden 27 Schubkarren Sand auf der Tanzfläche aufgeschüttet. Die Frauen tanzten barfuß auf dem Sand. Ein weiteres Mal wurden Dutzende von Kohlköpfen auf Spantafeln genagelt.

Zu Silvester 1980/1981 wurde die 2 von Ilona Böttcher, Ruth Nehren und Dagmar Schönfisch übernommen. Dagmar Schönfisch hatte von der Absicht Chris Riesebergs, die Diskothek wegen einer drohenden Mieterhöhung zu verkaufen, gehört und motivierte die beiden Anderen, in das Projekt einzusteigen. Die drei Lesben kannten sich über ihr Engagement für die ersten Frauenhäuser, die in der Bundesrepublik ab Mitte der 1970er Jahre zum Schutz für Frauen mit Gewalterfahrungen in ihren Familien geschaffen und eingerichtet wurden. Ilona Böttcher und Ruth Nehren eröffneten zusammen mit anderen 1976 das 1. Frauenhaus in der Richard-Schön-Straße in Berlin; Dagmar Schönfisch kannte wiederum Ruth Nehren aus dem 1979 eröffneten 2. Frauenhaus in Berlin. Im Vorfeld der Übernahme kam es zu einem „Probeeinsatz“ der drei Lesben in die 2, wie sich Dagmar Schönfisch erinnert:

„Wir Neuen mussten uns gegenüber Chris Rieseberg beweisen, indem wir den Tresen schmissen, die Musikanlage bedienten und – die Toiletten gut zu putzen hatten“.

Offensichtlich lief alles zur Zufriedenheit von Chris Rieseberg und zu Silvester 1980/1981 fand dann die Übergabe mit einer großen Party statt. Chris Rieseberg selbst übrigens betrieb in den 1980er Jahren noch die Frauenkneipe Dinelo; seit 1990 führt sie gemeinsam mit ihrer Lebensgefährtin die Frauenpension Bertingen, inzwischen in Tating bei St. Peter-Ording.

Das bewährte Flair bleibt auch mit einem neuen Team

Das neue Team änderte aus Kostengründen nur wenig an Ausstattung und Service: Eine Diskokugel, die sich in der Mitte des Raums befunden hatte, wurde abgenommen; hängen blieben die Lautsprecher, integriert in eine abgehängte Zwischendecke. Dagmar Schönfisch pflanzte zudem in die Pissoirs der Toiletten grüne Lilien. Der Einbau einer richtigen Küche wurde erwogen, doch der Vermieter gestattete dies nicht. Daher bot die 2 lediglich Getränke und kleine Snacks wie Erdnüsse, Salzstangen und Süßigkeiten an. Wenn Dagmar Schönfisch mal eine Linsensuppe für sich und das Team machte und die Gäste dies mitbekamen, war diese Suppe „im Nu weg“. Ein zentrales Problem blieb die Belüftung: Da es keine Fenster gab, lief die Entrauchungsanlage permanent. Das Team der Diskothek nutzte oft den Zugang zum Innenhof über den Raum hinter dem Tresen, „um mal durchzuatmen“. Zudem kam es häufiger zu Wasserrohrbrüchen, die der Vermieter nicht oder nur schleppend reparieren ließ.

Ursprünglich – so Ilona Böttcher – war geplant, dass jede der drei Frauen drei Nächte in die 2 arbeiten sollte, nämlich immer in Zweierteams, um den Tresen und die Diskothek parallel zu betreiben. Nach etwa einem Jahr waren alle so eingearbeitet, dass an den ruhigeren Tagen auch mal nur eine die Verantwortung für den Abend hatte; zudem konnte weiteres Personal beschäftigt werden. Im Laufe der Jahre reduzierten sich dann die Öffnungszeiten auf sechs Nächte, so dass außer dienstags die 2 immer ab 21 Uhr geöffnet hatte. Die Tage, an denen Diskotanz angeboten wurde, waren Mittwoch, Freitag und Samstag; für den Sonntag wurden oft Extra-Events angeboten. Im Vergleich zu den anderen Lesbenbars in Berlin wie dem pour elle oder auch Dinelo bot die 2 moderne Musik wie Rock, Soul, Hiphop und Musik von Frauenbands und Sängerinnen an und wurde damit ein Magnet für jüngere und zumeist politisierte Lesben, wie Dagmar Schönfisch rückblickend meint.

Magnetischer Anziehungspunkt auch für westdeutsche Lesben

Der Samstag war und blieb der Tag, an dem mit bis zu 120 Lesben die 2 „rappelvoll“ war. Besonders zu den Berliner Lesbenwochen zwischen 1985 und 1997 kamen dann auch schon mal 200 bis 300 Lesben aus Berlin und anderen Städten Deutschlands. In der gerade mal 66 qm großen Diskothek war es dann so voll, erinnert sich Dagmar Schönfisch, dass „die Lesben ihren Kaffee schon mal auf dem Klo trinken mussten“. Besonders für Lesben aus Westdeutschland, aber auch aus dem Ausland, die in Berlin bleiben wollten, wurde die 2 zum ersten Anlaufpunkt. Während Dagmar Schönfisch vor allem viele US-amerikanische und skandinavische Lesben als Gäste wahrnahm, denkt Ilona Böttcher noch heute gerne an die westdeutschen Lesben zurück:

„Sie waren – im Gegensatz zu den ach so coolen Berliner Lesben – aufgeschlossen, herzlich, lebensfroh und konnten sich über die Existenz eines Ortes wie die 2 noch freuen. Sie wussten, was sie mit dieser Diskothek hatten, und sei es auch nur für eine Nacht“.

Der Verdienst in die 2 war laut Ilona Böttcher sehr gering – wesentlich geringer als sogar für die schlecht bezahlte Tätigkeit im Frauenhaus. Neben Miete und Steuern musste das Team alte Schulden abtragen und den Getränkeeinkauf stemmen. Obwohl es keine Eintrittsgelder gab und viele Gäste Getränke in die 2 schmuggelten – was aber weder kontrolliert noch sanktioniert wurde –, gab es immer wieder Kritik an der Garderoben-Gebühr von 1 Mark oder an den Preisen von 1,50 Mark für ein Wasser oder einen Tee seitens der Besucherinnen. Das lag – so Dagmar Schönfisch – vermutlich daran, dass in die 2 mit den Jahren vermehrt studentische bzw. politisierte Lesben mit oft geringen Einkommen kamen. Sie sahen die Diskothek als ihren Ort an und nicht als eine Kneipe, die Umsatz machen musste. Diese starke Identifikation zeigte sich auch an anderen Stellen: Heterosexuelle und schwule Männer, die in die 2 wollten, mussten oft rasch hinauskomplementiert werden, damit es nicht zu Handgreiflichkeiten zwischen den Lesben und ihnen kam. Etliche Lesben wollten zudem nicht nur bei der Musikauswahl mitreden, sondern bei internen Entscheidungen, wie sich Ilona Böttcher erinnert: Als zwei sich immer wieder prügelnde und hierbei auch andere Besucherinnen involvierende Lesben Hausverbot seitens des Teams erhielten, protestierten einige Lesben, „die 2 könne doch keine Lesben ausschließen“.

Dagmar Schönfisch wiederum war stets „zutiefst erschrocken“, wenn Lesben die 2 als „ihr Zuhause“ bezeichneten.

Diskretion war zwar ihre Grundprämisse, doch sie wies stets erotische Avancen zurück und fand auch, dass Disko-Besuche nicht der einzige Lebensinhalt einer Lesbe sein sollten.

Im Oktober 1984 verließen sowohl Ilona Böttcher als auch Ruth Nehren die 2, um sich anderen Projekten zu widmen. Dagmar Schönfisch übernahm die Einlagenanteile der Beiden und machte mit dem inzwischen entstandenen Team weiter. Jedoch verschärften sich die Probleme in den Folgejahren: 1986 wurde wegen nicht behobener Baumängel und nicht getilgten Altschulden der Mietvertrag seitens des damaligen Vermieters nicht verlängert. Zudem drohte eine saftige Erhöhung der ohnehin schon sehr teuren Miete. Zudem eröffnete 1987 mit dem Lipstick am Richard-Wagner-Platz 5 eine weitere zugkräftige Diskothek in Berlin, die für einige Jahre das Publikum abzog. Dagmar Schönfisch führte daraufhin mehrere Gerichtsprozesse gegen den Vermieter und konnte mit Themenabenden wie „Tanz auf dem Vulkan“ und der Aufgabe des Dienstag-Ruhetages ihr Stammpublikum zurückgewinnen. Doch als sie den 3. Gerichtsprozess verlor und die Räumung von die 2 zum 8. März 1991 bevorstand, gab sie auf.

We shall overcome auf der Abschlussparty

Für den Folgetag, den 9. März 1991, kündigte sie eine letzte große Abschlussparty an und da sich die Nachricht von der Schließung wie ein Lauffeuer herumsprach, waren an dem Abend Hunderte von Lesben, aber auch andere queere Menschen vor Ort. Als gegen Mitternacht das Licht ausfiel, überprüfte Dagmar Schönfisch hektisch die Sicherungen, hörte dann, dass die Musikanlage lief und kam irritiert zum Tresen zurück: In der Dunkelheit standen die Gäste, hielten Feuerzeuge in die Höhe und sangen „We shall overcome“.

Dagmar Schönfisch war so gerührt, dass sie in den Raum hinter dem Tresen zurückkehrte und „dort habe ich dann erstmal wie ein Schlosshund geheult“. Die Party selbst ging dann bis in die Morgenstunden weiter.

Das Gebäude der Diskothek die 2 stand danach jahrelang leer; erst gegen 1996 machte ein schwul-lesbisches Team dort das Windows auf. Trotz aufwendiger Renovierungen – so wurden unter anderem seitlich Fenster eingebaut und auch der Eingang durch eine Glasfront ersetzt – konnte sich das Café und Restaurant nur etwa vier Jahre bis 2000 halten. 2021 befindet sich dort das Lokal Face.

Dagmar Schönfisch ihrerseits eröffnete über ein Jahr nach der Schließung von die 2 in der Martin-Luther-Straße im Juni 1992 die Diskothek die 2 – Am Wasserturm am Spandauer Damm 168. Auf dem dreimal größeren Areal gab es Live-Musik-Acts, es wurde ein Tanzcafé für Lesben über 40 Jahre angeboten, wie sich Jutta Brambach, die einige Male dort war, gerne erinnert, und Hochzeiten und Feste im großen Garten ausgerichtet. Zwischenzeitlich gab es neben dem Restaurant sogar eine Pension sowie eine Volksküche. Diese Wiedereröffnung sieht Dagmar Schönfisch inzwischen kritisch: Miete und Betriebskosten waren zu hoch, Renovierungen standen an und trotz aller Angebote für das Publikum arbeitete sie sich krank und ging mit hohen Schulden am 1. April 2002 aus dem Projekt. Im selben Jahr öffnete eine neue Diskothek unter dem Namen die 2 zwar in der Rathenower Straße ihre Pforten, sie konnte sich jedoch nur etwa zwei Jahre halten. 2011 überlegte Dagmar Schönfisch noch, von Margie Drexhage (eine der ehemaligen Betreiberinnen des pour elle) die Frauenkneipe Together in der Hohenstaufenstraße zu übernehmen, was sich dann aber zerschlug:

„Das ist vielleicht auch gut so gewesen, ich habe mit die 2 mein Bestes den Berliner Lesben gegeben, das waren harte, aber auch irgendwie schöne Jahre“.

Und auch Ilona Böttcher erinnert sich gerne an die 2 zurück:

„Ich hatte einen Arbeitsplatz, an dem ich tanzen konnte, wann ich wollte – wer hat das schon?“.

„Zu den Berliner Lesbenwochen war es so eng, dass die Lesben ihren Kaffee schon mal auf dem Klo trinken mussten“

Die Lesbenbar pour elle in der Kalckreuthstraße 10 in Berlin-Schöneberg

Im November 1972 eröffnete Jutta Kummutat die Lesbenbar pour elle (frz.: für sie) in der Kalckreuthstraße 10 – so erinnert sich Manu Hoyer, die später in der Diskothek die 2 arbeitete. Später kam Margit „Margie“ Drexhage dazu; gemeinsam standen die beiden Frauen hinter dem Tresen. Die erste Frage von Margie Drexhage an neue Besucherinnen war stets „Was möchtest Du trinken?“. Margie Drexhage war gelernte Fleischerin; über Renate Kummutat ist kaum etwas bekannt – nur dass sie sich nach 11 Jahren Ehe scheiden ließ und sich dann in der Lesbenszene tummelte. Somit ist auch unklar, wie die beiden Frauen dazu kamen, mit dem pour elle eine der bekanntesten und lange existierenden Lesbenbars Berlins zu betreiben.

von Katja Koblitz, Spinnboden Lesbenarchiv & Bibliothek (Berlin) e.V.

Quelle: Spinnboden Lesbenarchiv & Bibliothek e.V. (Berlin) – Rechte vorbehalten

Ende offen in der Frauenbar und montags Ruhetag

Die Frauenbar pour elle öffnete dienstags bis sonntags ab 21 Uhr mit Open End. Vor allem zu Anfang veranstalteten die beiden Betreiberinnen auch größere Events wie zum Beipsiel eine Silvesterparty 1976 mit „kalte[m] Buffett [und] Sekt – viel Stimmung garantiert!“ oder ein „Frühlingsfest“ im März 1977. Sie warben damit, „die gepflegte Damendiscothek mit Clubatmosphäre in Berlin“ und der „Treffpunkt für jung & alt“ zu sein. In der Lesbenzeitschrift die partnerin wurde daher im November/ Dezember 1977 empfohlen:

„[…] interessant für alle Frauen, die Lust an einem ‚Tapetenwechsel‘ haben. […] Auch westdeutsche Gäste sollten sich einen Besuch der Diskothek nicht entgehen lassen. Die liebevollen Blumen-Arrangements, die Galerie-Wand, eine freundlich-disziplinierte Bedienung, das Bier vom Faß, die Schallplatten-Auswahl und nicht zuletzt die angenehm auffallende Hygiene sind hier nur eine schwache Wiedergabe der tatsächlichen Atmosphäre des Clubs.“

Das pour elle selbst hatte zwar ein großes Fenster, es war jedoch – wie bei vielen Lesbenbars dieser Zeit – verhangen und somit von außen nicht einsehbar. Später scheint das Fenster sogar zugebaut worden zu sein. An der Holztüre befand sich zudem eine Klingel und ein Türspion, über den die Besucherinnen zunächst ‚geprüft‘ wurden: Wer zum Zielpublikum gehörte, bekam den Einlass gewährt.

Die Frauenbar bestand aus einem lang gezogenen Raum, der sich nach hinten zu einer Tanzfläche erweiterte. Nach einer kleinen Nische für die Garderobe zog sich der Tresen rechts um zwei Wände. Links in dem Raum befanden sich kleine Tische mit Hockern, die mit rotem Plüsch überzogen waren. Ebenfalls links war der Zugang zu den Toiletten, in dessen Vorraum es neben Spielautomaten sogenannte Einarmbanditen gab, bei denen kleinere Snacks wie Nüsse oder Süßigkeiten gezogen werden konnten. Hinter der rückwärtigen Tanzfläche befand sich die Musikanlage sowie der Zugang zu einem weiteren kleinen Raum, in dem sich neben einer weiteren kleinen Bar ein zweiter blechvernagelter Tanzboden befand. Getanzt wurde zu klassischer Musik wie Walzer und Tango sowie zu Schlagermusik, wie sich Dagmar Schönfisch von der Diskothek die 2 erinnert. Jedoch war das Tanzen im pour elle gemäß Manu Hoyer für die Mehrzahl der Besucherinnen zweitrangig; im Vordergrund stand vielmehr „das Trinken und Quatschen“. Den wenigen bekannten Innenaufnahmen vom Winter 1977 nach hingen an den Wänden Kunstdrucke, es gab Tischlampen mit stoffbezogenen Lampenschirmen oder Kerzen auf den Tischen, zudem hingen ein Kronleuchter und eine Art Baldachin an der Decke.

Das Mittelschicht-Publikum war oft ungeoutet

Das pour elle wurde vor allem von Lesben der Mittelschicht besucht, die als Selbständige oder als verheiratete Frauen oft nicht geoutet waren und nach einem abendlichen Vergnügen suchten. „Getrunken wurde viel“, erinnert sich Ilona Böttcher, eine der späteren Macherinnen der Diskothek die 2. Die Betreiberinnen legten es ihrer Meinung nach auch darauf an, dass viel Alkohol konsumiert wurde: es wurden extra sogenannte Animierdamen angestellt. So war es keine Seltenheit, wenn die eine oder andere Besucherin, die es sich leisten konnte, 100 Mark an einem Abend vertrank.

Kaum eine der Besucherinnen des pour elle gehörte zur politisch aktivistischen Lesbenszene, die eher in der Diskothek die 2 verkehrte, oder wurde ihr zugerechnet. Das Lesbische Aktionszentrum (LAZ) warb sogar mit einer kleinen Zeichnung, die in der Dokumentation der Frauengruppe HAW 1974 publiziert wurde, dafür, das pour elle zu verlassen und stattdessen zum HAW-Treffpunkt in der Kulmer Straße 20a zu kommen. Der Slogan hierzu lautete: „Schwule aller Länder vereinigt Euch! Raus aus dem Puff? Rein in die HAW!“. Die Lesben der HAW-Frauengruppe bezeichneten sich selbst damals noch als ‚schwule Frauen‘.

Es verwundert daher kaum, dass ein Artikel der Lesbenzeitschrift die partnerin vom Dezember 1977/ Januar 1978, über einen Ball des pour elle am 4. Dezember 1977 kommentierte:

„Auffällig zurückhaltend waren die Frauen aus der Lesbenbewegung: sie waren erst gar nicht erschienen“.

Die „Winter-Frauenfete“ im Ballhaus Resi in der Hasenheide 32, die neben „Große[r] Kapelle“, „Rohrpost“, „Tischtelefon“, „Wasserspielen“ mit einer Tombola warb, bei der als 1. Preis ein „Flug nach London“ und als 2. Preis ein „Flug nach Hamburg“ jeweils mit Übernachtung winkte, war im vorausgegangenen Heft noch wohlwollend angekündigt worden. Der Bericht zu dem Lesbenball mit etwa 700 Besucherinnen einen Monat später war jedoch ein Verriss: Das Programm sei „reibungslos abgespult“ worden, die Veranstalterin schien von der Leitung des Abends „überrollt“ zu sein, die Eintritts- und Getränkepreise galten als überteuert und die Teilnahme von Männern sowie die Auftritte von „‘Künstlerinnen‘ – bekannt aus Transvestiten-Shows“ wurde moniert. Vor allem aber wurde die Wiederholung von „festgefahrene[m] Klischeeverhalten“ kritisiert:

„wer ganz Dame sein wollte, trug lang und wer weniger Dame sein wollte den dunklen Anzug […] mit schwarzer Fliege.“

Entsprechend das Gesamtfazit: „Eine interessante Nacht mit weltstädtischem Flair und auch – leider – provenzialer [sic] Begeisterung. […] in den nächsten zwanzig Jahren [hat sich] sehr viel zu ändern […].“

Boulevardpresse hetzt nach einem tätlichen Angriff

Am 7. Mai 1978 kam es dann zu einem tätlichen Angriff auf das pour elle und Jutta Kummutat, über den unter anderem das Sensationsblatt Bild reißerisch berichtete: „Berlin: Karate-Schlacht unter lesbischen Frauen“, „Schüsse und Karate im Lesben-Club“ und „Wirtin schoß, Frau gewürgt – im Lokal, das für Männer verboten ist, fliegen die Fetzen“ lauteten die hetzerischen Überschriften. Was war vorgefallen? Jutta Kummutat hatte am 6. Mai 1978 eine politische Diskussion, die von einigen politisierten Lesben angestrengt worden war, in den Räumen des pour elle untersagt. Daraufhin versuchten 15 oder 20 Politlesben am Tag darauf, eine Diskussion zu erzwingen. Als der Konflikt eskalierte, wurden angeblich 100 anwesende Lesben „mit Karate-Schlägen“ angegriffen und Aschenbecher, Bierflaschen und Gläser geworfen. Auch Jutta Kummutat wurde tätlich angegangen, woraufhin sie eine Tränengaspistole abfeuerte und die Polizei rief. Die Bild unterstellte, dass die Angreiferinnen Frauen des Lesbischen Aktions-Zentrum (LAZ) gewesen seien, bewies dabei aber wenig Ahnung von der damaligen Lesbenszene: Sie titulierte die Politlesben als „Latz-Mädchen (sie heißen so, weil sie immer Latzhosen anhaben)“. In der zeitgenössischen Lesbenpresse wurde über den Vorfall in der Zeitschrift die partnerin im Juni/ Juli 1978 berichtet. Der Artikel verurteilt den Übergriff scharf:

„[w]ie schnell man Vorurteile bekräftigen und mühsam Aufgebautes zerstören kann, hat eine Gruppe Frauen demonstriert, die eine brutale Schlägerei in einem Berliner Damen-Club anzettelte […] Der 7. Mai 1978 ist ein „Schwarzer Tag“ für jede emanzipierte Frau“.

Die politischen Auseinandersetzungen scheinen sich im Laufe der 1980er Jahre beruhigt zu haben: das pour elle wurde zwar nach Aussagen aller Zeitzeuginnen weiterhin von politischen und jungen Lesben eher wenig besucht, angesagt waren vielmehr lesbische Treffpunkte wie das Lipstick am Richard-Wagner-Platz 5 und das Paramount in der Hauptstraße 120. Dass es ab Mitte der 1980er Jahre dienstags auch einen Männertag gab, könnte zu der Distanzierung der Politlesben beigetragen haben. Doch auch im pour elle ging das Leben weiter – so heißt es in einem Artikel der Zeitschrift Wiener von 1987:

„Im „Pour Elle“, einer Frauenbar im anderen Eck dieser Stadt, wiegen sich Frauen um vierzig und fünfzig im Walzertakt. Beim Tango schiebt sich ein Bein in den Schritt, drücken sich die Unterleiber aneinander, lachen sich die Damen hingebungsvoll an. Sie sind nicht gestylt. Sie tragen C & A-Hosen und Rüschenblusen, Bügelfalte und Körbchen-BH. Inmitten von Plüsch und schrillem Tand knistert die Luft, brizzelt die Erotik.“

Nach fast 30 Jahren schließt das pour elle 2001

Am 14. Februar 1988 feierte Jutta Kummutat mit einem „Frauenkarnevalsball“ im Café Keese in der Bismarckstraße 108 noch das 15jährige Bestehen der Lesbenbar pour elle. Laut Manu Hoyer erkrankte sie in den späteren Jahren schwer – der genaue Zeitpunkt und ihr weiteres Schicksal sind unbekannt. Unklar ist auch, ob sie das pour elle noch weiterführen konnte oder an ihre Geschäftspartnerin Margie Drexhage übergab. Im Juni 2001 wurde das pour elle – nach über 28 Jahren Existenz – an Peter Plate vom Musikduo Rosenstolz verkauft. Peter Plate führte die Bar als schwul-lesbischen PE-Club, wobei PE vermutlich für pour elle stand, noch etwa zwei Jahre weiter, bevor sie aufgegeben wurde. Im Jahr 2021 befindet sich dort nun die Taverne Pisco Pero.

Margie Drexhage blieb im Übrigen der lesbischen Szene verbunden und betrieb von 2001 bis 2011, trotz einer Krebserkrankung im Jahr 2006, das Together in der Hohenstaufenstraße. Das Together wäre 2011 fast von der ehemaligen Betreiberin der Diskothek die 2 in der Martin-Luther-Straße 22, Dagmar Schönfisch, übernommen. Diese Übergabe wäre recht pikant gewesen, denn – wie sie im Gespräch lachend erzählte –

„als vermeintliche Konkurrentin bin ich insgesamt viermal aus dem pour elle geworfen worden“.

„Inmitten von Plüsch und schrillem Tand knistert die Luft, brizzelt die Erotik“

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